Die Geschichte von Collien & Petro
Eine Liebe wie aus einem Gedicht – so leise begonnen, dass man sie fast hätte überhören können, und doch so laut im Herzen, dass sie alles andere übertönte.
Die Sonne über Palm Beach stand noch nicht im Zenit, als die Wellen wie flüssiges Glas ans Ufer rollten. Der Sand war warm, aber nicht brennend, und ein leichter Wind trug den salzigen Duft des Meeres über die endlose Linie aus Handtüchern, Sonnenschirmen und flüchtigen Sommergeschichten.
Collien ging barfuß am Wasser entlang. Jeder Schritt hinterließ eine Spur, die die Wellen binnen Sekunden wieder auslöschten, als hätte es sie nie gegeben. Vielleicht, dachte sie, war das der heimliche Trost des Meeres: dass es alles mitnahm, was zu schwer war zum Tragen, aber auch alles, was man gern für immer behalten hätte.
Sie war alleine in den Urlaub geflogen. Ihre Freundinnen hatten alle kurzfristig abgesagt – Arbeit, Prüfungen, Verpflichtungen. „Fahr trotzdem“, hatten sie gesagt. „Du brauchst das. Sonne, Meer, Abstand.“ Also war sie gefahren. Spontan, fast trotzig. Weil Spontanität etwas war, das sie vor sich selbst verteidigen wollte wie eine kleine, flackernde Flamme: humorvoll, romantisch, spontan – so beschrieb sie sich selbst, doch in letzter Zeit war ihr Leben eher ein sorgfältig gefalteter Terminkalender gewesen als ein ungezügeltes Sommergedicht.
Sie blieb stehen, als eine besonders hohe Welle fast bis an den Saum ihres leichten Sommerkleides schwappte. Sie lachte leise, hob den Stoff. Und in diesem Moment sah sie ihn.
Er war ein Stück weiter draußen im Wasser, bis zur Hüfte im Meer, und kämpfte – mehr schlecht als recht – mit einem türkisfarbenen Surfbrett, das eigentlich eher aussah wie ein überdimensioniertes Spielzeug als wie ernsthafte Sportausrüstung. Seine Haare waren nass und klebten ihm in wirren Strähnen an der Stirn. Der Sonnenschein brach sich auf seiner Haut. Und dann wandte er sich um.
Seine Augen.
Collien spürte, wie ihr Atem für den Bruchteil einer Sekunde stockte. Es war nicht nur die Farbe – ein warmes, tiefes Braun, das im Sonnenlicht fast goldene Sprenkel zu haben schien –, sondern der Blick selbst. Offen, neugierig, ein Hauch Trotz, als würde er gerade gegen die ganze Welt und dieses Surfbrett protestieren, und doch mit einer Weichheit, die sie überraschte.
Sie merkte, dass sie ihn anstarrte. Gleichzeitig rutschte sein Surfbrett zur Seite, er verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und – als hätte das Schicksal sich ein scherzhaftes Timing überlegt – fiel er mit einem lauten Platschen ins Wasser.
Collien konnte nicht anders, sie lachte. Es war kein lautes, schadenfrohes Lachen, eher ein leichtes, überrascht aufperlendes, das sie sofort wieder dämpfen wollte. Doch da tauchte er wieder auf, schüttelte kurz den Kopf, strich sich das Wasser aus dem Gesicht – und lächelte. Direkt in ihre Richtung.
Sie spürte, wie Wärme in ihr aufstieg. Nicht von der Sonne. Nicht nur.
Petro war an diesem Morgen mit einem Gefühl aufgewacht, das er am liebsten „unruhige Vorfreude“ nannte. Er war spontan mit einem Kumpel in den Urlaub geflogen, doch dieser hatte heute einen Tauchkurs gebucht. Petro hingegen hatte beschlossen, dass es ein „Surf-Tag“ werden sollte. Er war Abenteuer gewohnt: spontane Roadtrips, der Sinn für kreative Umwege, das Verlorengehen in fremden Städten, um sich neu zu finden. Aber Surfen – das war neu. Es fühlte sich an wie eine Grenze, die er überschreiten wollte, nur um zu sehen, ob da auf der anderen Seite jemand wartete.
„Du siehst aus, als hättest du das voll drauf“, hatte der Typ von der Surfstation gesagt, während er ihm das Board reichte.
„Absolut“, hatte Petro trocken erwidert, innerlich grinste er. Spontan, kreativ, warum nicht? Was kann schon passieren?
Jetzt wusste er es. Man konnte jede Menge Wasser schlucken. Und sich vor halb Palm Beach zum Idioten machen.
Doch dann, als er sich umdrehte, waren da diese Augen.
Sie standen am Ufer, ihr Kleid leicht im Wind, das Haar von der Sonne gestreift. Ihre Augen wirkten, als hätten sie all die Geschichten in sich, die er immer hatte aufschreiben wollen, aber nie schriftlich festgehalten hatte. Sie lachte, als er fiel, und es war kein böses Lachen. Eher wie der Klang eines Windspiels, das aus Versehen angestoßen wurde.
Er tauchte wieder auf, blinzelte das Salzwasser aus den Augen und sah sie an. Sie schaute weg. Nur eine Sekunde zu spät. Und in dieser Sekunde passierte etwas Unsichtbares, aber Unumkehrbares: Ein Faden spannte sich, hauchdünn, zwischen ihnen.
„Okay“, murmelte Petro zu sich selbst, „wenn das kein Zeichen ist, dann weiß ich auch nicht.“
– Der Zufall, der keiner war
Eine halbe Stunde später saß Collien auf ihrem Handtuch, ein Buch in der Hand, das sie schon seit Tagen mehr spazieren trug, als dass sie auch nur eine Seite gelesen hätte. Die Wörter verschwammen vor ihren Augen, weil ihre Gedanken immer wieder zu diesem Bild zurückkehrten: ein Mann im Wasser, ein unkontrollierbares Surfbrett, nasse Haare, diese Augen. Und dieses Lächeln.
„Reiß dich zusammen“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. „Du kennst ihn nicht. Das ist Urlaub. Menschen kommen, Menschen gehen. Sommerflirts, die im Herbst vergessen sind.“
Trotzdem war da ein Prickeln, als könne der Wind ihren Namen tragen. Sie zog die Knie an, legte das Kinn darauf. Romantisch. Sie war schon immer romantisch gewesen. Jemand, der sich in Filmszenen verlor und in Liedtexte hineinlebte. Jemand, der glaubte, dass das Universum manchmal kleine Zeichen schickte, wenn man genau hinsah.
Hatte sie gerade genau hingesehen?
Währenddessen brachte Petro das Surfbrett zurück. Der Surflehrer grinste, sagte irgendetwas Lustiges, das Petro nur halb hörte. Seine Gedanken waren schon am Strand, suchten in der Menge nach ihr. Es kam ihm albern vor, nach einer Frau zu suchen, deren Namen er nicht kannte, deren Stimme er noch nicht gehört hatte. Und doch tat er es. Abenteuerlust hieß für ihn nicht nur, in ferne Länder zu reisen, sondern auch, in die Ungewissheit eines Moments zu springen.
Er sah sie, bevor er begriff, dass er sie gefunden hatte. Sie saß seitlich, das Meer vor sich, das Buch in der Hand. Ihre Haare wehten leicht zurück, und ihr Profil zeichnete sich scharf vor dem glitzernden Horizont ab. Seine Schritte verlangsamten sich unbewusst. Sein Herz nicht.
„Jetzt oder nie“, dachte er. „Du wolltest doch immer, dass das Leben dir Geschichten schenkt. Vielleicht ist das eine.“
Er spürte, wie seine Kehle trocken wurde. Kindisch, dass er nervös war. Er war nicht der Typ, der verlegen wurde. Normalerweise. Er atmete tief durch, strich sich unauffällig durchs Haar (das immer noch leicht feucht war) und ging auf sie zu.
Collien hörte den Sand knirschen, als jemand sich näherte. Sie hob den Blick – und da stand er. Näher, als sie erwartet hatte, noch schöner, als sie befürchtet hatte. Seine Augen waren aus der Distanz schon beeindruckend gewesen, doch aus der Nähe wirkten sie fast noch tiefer. Und in diesem Moment trat ein kleiner, verlegener Funke hinein.
„Hey“, sagte er.
Es war nur ein Wort, kaum mehr als ein Hauch. Aber seine Stimme war warm, leicht rau, als hätte er zu viel gelacht und zu wenig geschlafen.
„Hey“, antwortete sie, und ärgerte sich innerlich, dass ihr auf die Schnelle nichts Geistreiches einfiel.
Eine Welle rauschte, zog sich zurück.
„Ich wollte mich eigentlich nur bedanken“, setzte er an, schob sich verlegen die Hände in die Hosentaschen der Badeshorts.
„Bedanken?“ Sie runzelte leicht die Stirn. „Wofür?“
„Für dein Lachen. Das hat verhindert, dass ich mich komplett wie ein Vollidiot fühle.“
Sie musste unweigerlich wieder lachen. „Du bist also der Typ, der sich vor laufender Kamera… äh, vor laufender Strandkulisse mit einem Surfbrett angelegt hat?“
„Schuldig“, sagte er und hob die Hand, als würde er vor Gericht stehen. „Ich bin Petro.“
„Collien“, sagte sie.
Als sie ihren Namen aussprach, war da ein ganz leichtes Zögern, als wolle sie prüfen, wie er sich in seiner Anwesenheit anfühlte. Er wiederholte ihn leise, fast wie ein Versuch, ihn zu schmecken.
„Collien“, sagte er. „Passt. Klingt nach jemandem, der über Leute lacht, die aus Versehen vom Surfbrett fallen.“
„Ich lache nicht über sie“, widersprach sie. „Ich lache… mit ihnen. Auch wenn sie vielleicht noch nicht lachen können.“
„Dann hoffe ich, dass ich bald auf deinem Level bin“, murmelte er.
Innerlich dachte er: Sie ist anders. Da ist dieser Humor, aber nicht scharfkantig. Sie wirkt spontan, aber nicht unruhig. Sie erinnert mich an ein Notizbuch, in das man längst hätte schreiben sollen. Und diese Augen…
Sie betrachtete ihn heimlich, während sie sprach. In seinem Lächeln lag etwas Jungenhaftes, in seiner Körperhaltung jedoch eine lässige Sicherheit, die sie faszinierte. Ein Abenteurer, dachte sie. Jemand, der nicht lange plant, bevor er springt. Das spürte sie sofort. Aber da war auch Kreativität, irgendwo zwischen seinen Augenbrauen und den winzigen Lachfalten am Rand seiner Augen. Vielleicht war er jemand, der Geschichten im Kopf hatte, vielleicht jemand, der nachts wach lag und an Möglichkeiten dachte.
„Bist du… schon lange hier?“, fragte er.
„Seit drei Tagen“, antwortete sie. „Und du?“
„Heute ist mein zweiter“, sagte er. „Und ich glaube, das war mein letzter Surftag. Das Meer und ich sind uns noch nicht einig, wer hier das Sagen hat.“
„Das Meer“, sagte sie leise, ein Lächeln auf den Lippen.
„Dachte ich mir“, erwiderte er. „Du bist also Team Meer?“
„Immer“, nickte sie. „Es ist ehrlicher als die meisten Menschen.“
Er sah sie überrascht an. „Das ist ein schöner Satz.“
„Vielleicht bin ich ein schöner Satz“, dachte sie kurz und wurde dann rot, weil der Gedanke lächerlich und wahr zugleich war.
Der Wind strich durch die Stille, die zwischen ihnen entstand. Doch sie fühlte sich nicht unangenehm an. Eher wie ein Atemholen vor dem nächsten Satz in einem Gedicht.
„Darf ich mich dazulegen?“, fragte er und deutete auf den freien Platz neben ihrem Handtuch.
Sie zögerte nur einen Moment, dann nickte sie. „Klar.“
Als er sich hinsetzte, fiel ihm der Sand in Flocken an den Armen hinunter. Er ließ sich nach hinten fallen, stützte sich auf die Hände. Ihre Schultern berührten sich nicht, aber die Luft dazwischen knisterte.
Das Meer rauschte, als würde es applaudieren.
– Worte, die wie Wellen sind
Sie sprachen erst über die typischen Dinge: Woher sie kamen, wie lange sie blieben, wie sie überhaupt in diesem Urlaub gelandet waren. Doch je länger sie redeten, desto mehr verschob sich der Ton der Unterhaltung. Aus oberflächlichen Informationen wurden kleine Geständnisse, beiläufige Wahrheiten.
„Ich hab’ den Flug buchstäblich einen Tag vorher gebucht“, erzählte Petro, während er mit den Fingern gedankenverloren Linien in den Sand zeichnete. „Ich hatte das Gefühl, wenn ich noch eine Woche in meinem Alltag bleibe, dann… verklebe ich mit meinem Schreibtischstuhl.“
„Klingt… spontan“, meinte Collien, und sie spürte, wie Sympathie in ihr aufstieg. „Was machst du sonst so, wenn du nicht mit Surfboards kämpfst?“
„Ich arbeite in einer Agentur“, sagte er. „Kreativkram. Kampagnen, Konzepte, so Zeug. Mit viel Kaffee und noch mehr Brainstorming.“
„Klingt als würdest du den ganzen Tag Ideen jonglieren.“
„Manchmal fallen sie runter“, gab er zu. „Aber ich mag es, Geschichten für andere zu erfinden. Ich glaube, ich hab’ nur vergessen, meine eigene zu schreiben.“
Sie schwieg einen Moment, weil er unverhofft tief geworden war. Aber es gefiel ihr.
„Und du?“, fragte er sanft. „Wie bist du hier gelandet?“
Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Ich… hatte das Bedürfnis, mal kurz aus meinem Leben auszubrechen. Keine Meetings, keine Verpflichtungen, kein ‚Wir müssen unbedingt demnächst mal…‘, das dann doch nie passiert.“
„Du bist also auch spontan geflohen.“
„Spontan ja, geflohen… vielleicht ein bisschen“, gab sie zu. „Ich wollte sehen, ob ich noch die Person bin, die losläuft, ohne genau zu wissen, wo sie ankommt.“
„Und?“, fragte er. „Bist du’s?“
Sie blickte aufs Meer. „Ich weiß es noch nicht. Aber ich laufe.“
Er betrachtete ihr Profil, die ernste Stirn, die weichen Lippen, die Fingerspitzen, die an der Kante des Handtuchs spielten.
„Wenn du willst, können wir ein Stück zusammenlaufen“, sagte er leise.
Sie drehte den Kopf und sah ihn an. Ein Lächeln zog über ihr Gesicht, erst zögerlich, dann warm. In ihr regte sich etwas wie Hoffnung, zart und tastend.
„Vielleicht sollten wir erst einen Insiderwitz haben“, sagte sie.
„Sonst können wir nicht zusammen laufen?“, fragte er verwirrt.
„Nee“, erklärte sie, „aber… Beziehungen, Freundschaften, Geschichten – sie brauchen irgendwas, das nur ihnen gehört. Einen Insider, den sonst keiner versteht.“
Er dachte kurz nach. Dann zeigte er auf das Surfbrett, das noch am Rand des Strandes lag, schon halb vergessen. „Der Kampf meines Lebens. Und du warst Zeugin.“
„Ich war die Jury“, grinste sie. „Und ich muss sagen, das Brett hat eindeutig gewonnen.“
„Autsch“, sagte er, legte eine Hand über sein Herz. „Du hast mich gerade auf poetische Weise beleidigt.“
„Ich nenne es: ehrliche Rezension.“
„Okay“, meinte er. „Unser Insider könnte sein, dass jedes Mal, wenn einer von uns etwas komplett verkackt, wir es ‚ein Surfbrett-Moment‘ nennen.“
Sie lachte. „Deal. Und niemand sonst darf wissen, was es bedeutet.“
Ihre Blicke trafen sich. In diesem einfachen, unscheinbaren Moment entstand ihr erstes kleines Geheimnis. Ein Symbol, das noch keine Vergangenheit hatte, aber vielleicht eine Zukunft.
In Colliens Kopf formten sich Sätze, die sie nicht aussprach. „Eine Liebe beginnt manchmal nicht mit einem Kuss, sondern mit einem gemeinsamen Lachen über ein Missgeschick.“
In Petros Gedanken entstand ein Bild: zwei Figuren am Meer, verbunden durch einen unscheinbaren Witz. „Wenn ich das malen könnte“, dachte er, „würde ich das Meer in unseren Augen spiegeln lassen.“
– Die Tage, die nach Salz und Möglichkeit schmeckten
Von diesem Tag an sahen sie sich täglich. Es passierte nicht geplant, aber auch nicht zufällig. Erst waren es kurze Begegnungen – ein gemeinsamer Kaffee an der Strandbar, ein Spaziergang am Abend, wenn die Sonne in eine goldene Münze sank. Dann wurden es ganze Nachmittage, die sich wie Kapitel eines neuen Buches aneinanderreihten.
Sie entdeckten, dass sie beide den nächtlichen Himmel liebten, wenn die Sterne wie vergessene Wünsche aussahen. Sie fanden heraus, dass sie ähnliche Musik hörten, aber aus völlig unterschiedlichen Gründen: Sie mochte Melodien, die Geschichten erzählten; er mochte Texte, die nach Melodien klangen. Sie lachten über absurde Situationen – wie den Kellner, der sich ihren Namen nicht merken konnte und sie „Caroline“ nannte, oder den Straßenmusiker, der aus Versehen denselben Song dreimal spielte, ohne es zu merken.
„Das war ein Surfbrett-Moment“, sagte Petro eines Abends, als er in einer Hängematte fast herausfiel, weil er zu enthusiastisch eine Geschichte gestikulierte.
„Voll und ganz“, bestätigte Collien und hielt sich lachend den Bauch.
Doch zwischen all dem Lachen gab es auch stillere Augenblicke. Nächte, in denen sie am Strand saßen, die Beine ausgestreckt, die Zehen im kühlen Sand vergraben, und in den Himmel starrten.
„Glaubst du an Schicksal?“, fragte sie einmal, ohne ihn anzusehen.
Er schwieg einen Moment. „Ich glaube an Entscheidungen“, sagte er dann. „Und an die verrückten Kettenreaktionen, die sie auslösen.“
„Also kein Schicksal?“, hakte sie nach.
Er drehte den Kopf zu ihr. Der Mond malte silberne Muster in seine Augen. „Ich glaube… manchmal treffen sich Entscheidungen. Und von außen sieht es aus wie Schicksal.“
Sie dachte darüber nach. „Und wir?“
„Wir“, wiederholte er leise. „Ich glaube, du hast irgendwann entschieden, allein in den Urlaub zu fahren. Und ich hab’ irgendwann entschieden, dieses Surfbrett zu mieten. Und dann haben wir beide zur gleichen Zeit hingesehen. Vielleicht ist das die Art von Schicksal, an die ich glauben kann.“
Sie lächelte. „Also sind wir eine Schnittmenge von Entscheidungen.“
„Eine sehr schöne Schnittmenge“, fügte er hinzu.
In ihren Gedanken malte sie einen Kreis um seinen Namen. Kein Besitz, nur ein leiser Wunsch, dass er nicht so schnell wieder aus ihrem Radius verschwinden möge.
In seinen Gedanken stellte er sich plötzlich vor, wie sie wohl wäre, wenn der Sommer vorbei wäre. Ob sie im Winter genauso lachte. Ob ihre Augen im Regen genauso glänzten.
– Nähe, die zwischen den Wellen wächst
Mit jedem Tag wuchs etwas, das sie beide nicht laut benannten. Sie tauschten keine großen Versprechen aus, sie sagten nicht „für immer“ oder „nie wieder“. Aber in den kleinen Gesten lag eine Zärtlichkeit, die sehr viel leiser und ehrlicher war als große Schwüre.
Wenn sie nebeneinander hergingen, berührten sich manchmal ihre Hände. Anfangs zufällig, dann länger, absichtlich, ohne dass jemand das Wort „Handhalten“ erwähnte. Wenn sie lachte, legte er manchmal, ganz kurz, ganz selbstverständlich, die Hand auf ihren Rücken, als wolle er sicherstellen, dass sie in diesem Moment geerdet blieb.
Einmal saßen sie auf einer niedrigen Mauer, die die Strandpromenade vom Sand trennte. Es war später Nachmittag, die Luft vibrierte in einem goldenen Schimmer. Collien erzählte von einem früheren Sommer, in dem sie sich zum ersten Mal verliebt hatte. Es war eine sanfte Geschichte, mit einem bittersüßen Ende. Sie sprach nicht viel über den Schmerz, eher über die Lektionen, die danach blieben.
„Ich hab’ damals gelernt, dass ich nicht weniger liebenswert bin, nur weil jemand anders weitergegangen ist“, sagte sie. „Aber ich hab’ auch gelernt, dass ich manchmal zu sehr hoffe. Zu sehr träume. Zu viel hineindeute in Dinge.“
„Und jetzt?“, fragte Petro. „Hoffst du immer noch zu viel?“
Sie sah auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen. „Ich versuche, es nicht zu tun. Aber… mein Herz ist so gebaut. Es schreibt Geschichten, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.“
Er schwieg kurz. „Vielleicht braucht dein Herz jemanden, der gern Prologe liest“, sagte er.
Sie sah ihn an. „Und du? Was hast du gelernt?“
Er lehnte sich zurück, stützte sich auf die Arme. „Dass ich unfassbar gut darin bin, wegzurennen, wenn’s kompliziert wird“, gab er offen zu. „Abenteuer sind leichter als Alltag. Neue Orte sind einfacher als alte Wunden.“
„Läufst du gerade weg?“, fragte sie leise.
Er blickte aufs Meer. „Wenn ich ehrlich bin… nein. Zum ersten Mal seit langem fühlt es sich so an, als würde ich irgendwohin laufen, nicht von etwas weg.“
Ihre Herzen merkten sich diesen Satz. Nicht in Großbuchstaben, aber in feinster Handschrift.
An diesem Abend, als sie sich verabschiedeten, blieb sie einen Moment länger in seiner Umarmung. Seine Arme schlossen sich sanft um sie, nicht besitzergreifend, sondern haltend. Sie konnte seinen Herzschlag spüren, ruhig und doch ein wenig schneller als gewohnt.
„Bis morgen“, murmelte er in ihr Haar.
„Bis morgen“, antwortete sie.
Und beide dachten: Ich hoffe so sehr, dass es ein Morgen gibt, an dem wir nicht zählen, wie viele uns noch bleiben.
– Der Wendepunkt aus Licht und Schatten
Es war in der Mitte des Urlaubs, als der erste Schatten ihre sonnendurchflutete Geschichte streifte.
An diesem Tag war der Himmel leicht verhangen, als hätte jemand ein dünnes Tuch vor die Sonne gespannt. Sie hatten geplant, zusammen einen Bootsausflug zu machen, die Küste entlang, kleine Buchten entdecken, vielleicht irgendwo ins türkisfarbene Wasser springen.
Petro wartete am vereinbarten Treffpunkt nahe der Strandhütte mit den farbigen Laternen. Die Minuten verstrichen. Zehn, fünfzehn, zwanzig.
Er blickte immer wieder auf sein Handy. Keine Nachricht.
„Vielleicht hat sie verschlafen“, dachte er. „Vielleicht…“
Doch mit jeder Minute wuchs eine alte, gut bekannte Unruhe in ihm. Ein Flüstern aus früheren Geschichten: „Sie kommt nicht. Du warst naiv. Du hast zu viel hineininterpretiert.“
Collien saß unterdessen in ihrem Zimmer, das Handy in der Hand, Tränen, die sie immer wieder wegblinzelte. Eine Nachricht aus der Heimat hatte sie unerwartet getroffen: Eine familiäre Angelegenheit, schwer, kompliziert, emotional aufwühlend. Kein Drama im klassischen Sinne, aber eine Wunde, die sie glaubte, längst vernarbt zu haben. Sie saß auf dem Bett, blickte aus dem Fenster auf das Meer, das heute ein wenig grauer aussah.
„Ich sollte ihm schreiben“, dachte sie. „Ich muss ihm schreiben.“
Doch jedes Mal, wenn sie die Tastatur öffnete, fühlte sich jede Formulierung falsch an. Zu viel. Zu wenig. Zu dramatisch. Zu sachlich. Ihr Herz war durcheinander, ihr Kopf voller Stimmen.
„Du bist wieder die, die zu viel fühlt“, tadelte sie sich.
So verging die Zeit. Unbarmherzig.
Petro lief irgendwann die Promenade auf und ab. Seine Gedanken wurden lauter.
„Vielleicht war es für sie nur ein Urlaubsflirt. Ein bisschen Ablenkung. Vielleicht hab ich mir das alles nur eingebildet. Ich bin doch nicht so dumm, oder?“
Doch der Teil in ihm, der seit Tagen weicher geworden war, wehrte sich. „Sie ist anders. Du hast es doch gespürt.“
Nach einer Stunde schließlich vibrierte sein Handy. Eine Nachricht.
„Es tut mir so leid, ich konnte nicht kommen. Kann ich es dir später erklären? – C.“
Er starrte auf den Bildschirm. Er spürte sowohl Erleichterung als auch einen Rest Enttäuschung. Der kreative Teil in ihm malte sofort mögliche Dramen aus. Der abenteuerlustige Teil wollte am liebsten sofort zu ihrem Hotel rennen. Der verletzliche Teil dachte: „Später erklären“ ist oft der Anfang vom Ende.
Er atmete tief durch, tippte zurück: „Okay. Ich bin später am Strand. Wenn du reden magst, ich bin da.“
Er drückte auf „Senden“ und starrte dann aufs Meer, als könnte es ihm die Antworten geben, die in ihm fehlten.
Collien las seine Nachricht. Sie war gleichzeitig erleichtert und voller Schuld. Sie wusste, dass sie ihn hätte einweihen können. Sie wusste, dass Nähe nicht nur bedeutete, miteinander zu lachen, sondern auch, schwere Dinge zu teilen. Aber ein Teil von ihr hatte Angst. Angst, zu viel zu sein. Angst, dass ihre komplizierte Welt seinen Urlaub dunkler machen würde.
Am späten Nachmittag zog sie sich schließlich ein leichtes Tuch über, band ihr Haar zusammen und ging hinunter zum Strand. Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Eingeständnis.
Er saß dort, wo sie oft gesessen hatten, ein wenig abseits der Sonnenliegen. Sein Blick war auf den Horizont gerichtet. Als er sie kommen sah, stand er auf.
Sie blieben kurz voreinander stehen. Die Luft war voller unausgesprochener Sätze.
„Hey“, sagte sie leise.
„Hey“, antwortete er.
Sie rang mit den Worten. „Es… war was mit meiner Familie. Eine Nachricht. Nichts Lebensbedrohliches, aber… es hat mich völlig aus der Bahn geworfen.“
Er schwieg. Sie deutete seine Stille als Urteil, obwohl in ihm nur eine Bewegung stattfand: vom verletzten Stolz hin zur Sorge.
„Ich hätte dir schreiben sollen“, fuhr sie fort, „gleich. Ich weiß. Aber ich… bin manchmal schlecht darin, andere in mein Chaos hineinzulassen.“
Ein Windstoß wehte über den Strand. Ein kleines Kind lachte in der Ferne, ohne zu wissen, dass gerade zwei Menschen darum kämpften, nicht voreilig die Brücke zwischen sich zu sprengen.
„Weißt du, was komisch ist?“, sagte Petro schließlich. „Ich hab’ den halben Tag damit verbracht zu denken, dass ich mir das mit uns eingebildet hab’.“
Sie sah erschrocken auf. „Mit uns?“
„Ja“, sagte er. „Ich meine… ich dachte, vielleicht… es war nur Sonne, Strand, ein paar Gespräche. Und ich hab’ zu viel hineininterpretiert. So wie du sagst, dass du das manchmal machst.“
Sie schluckte. „Und was glaubst du jetzt?“
Er sah sie lange an. Dann seufzte er kurz und trat einen Schritt näher. „Jetzt glaube ich, dass ich gern dein Chaos kennlernen möchte. Nicht nur deinen Sonnenschein.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie wegzublinzeln versuchte. „Aber was, wenn ich zu viel bin?“
Er schüttelte den Kopf. „Dann… ist es mein Job, dir zu zeigen, dass du es nicht bist.“
Stille. Eine warme, zitternde.
Dann stieß sie ein kleines, nervöses Lachen aus. „Das war sehr poetisch. Bist du sicher, dass du in keiner Werbeagentur, sondern heimlich als Dichter arbeitest?“
Er grinste schwach. „Vielleicht bin ich einfach nur jemand, der gerade herausfindet, dass er doch bereit ist, eine echte Geschichte zu schreiben.“
Sie atmete tief ein, als hätte sie zum ersten Mal seit Stunden Luft geholt. „Kann ich dich umarmen?“, fragte sie.
„Ich dachte, du fragst nie“, sagte er leise.
Ihre Arme fanden einander, und diesmal hielt er sie fester. Nicht aus Besitz, sondern aus dem Bedürfnis, sie zusammenzuhalten, während in ihr alles wogte. Sie vergrub das Gesicht an seiner Schulter, roch Salz, Sonne, ihn.
„Das war ein Surfbrett-Moment, oder?“, murmelte sie gegen seinen Hals.
„Aber wir haben uns gehalten“, antwortete er. „Also würde ich sagen: Unentschieden.“
– Ein besonderes Ereignis, das ihre Liebe prüfte
Die Nachricht von zuhause blieb im Hintergrund, wie eine leise, nachhallende Unruhe. Doch die folgenden Tage beschlossen sie bewusst, in einer Balance zu verbringen: Collien teilte Stück für Stück mehr von dem, was sie beschäftigte. Von alten Verletzungen, Familienstreitigkeiten, Erwartungen, denen sie nicht gerecht werden wollte. Petro hörte zu, nicht mit Ratschlägen, sondern mit jener aufmerksamen Ruhe, die mehr Trost spendete als jede Lösung.
„Ich weiß nicht, ob ich mutiger werde oder nur müder“, sagte sie eines Abends. „Müde davon, alles allein zu tragen.“
„Vielleicht ist Mut manchmal genau das“, sagte er, „zu sagen: ‚Ich kann das gerade nicht allein.‘“
Gleichzeitig kamen sie an einen Punkt, an dem ihr nahendes Ende des Urlaubs wie eine unsichtbare Mauer vor ihnen im Wasser stand. Sie hatten noch nicht darüber gesprochen, was passieren würde, wenn die Tage sich erschöpft hatten. Beide wussten, dass jedes „Wie geht’s weiter?“ ein Risiko barg.
Das besondere Ereignis, das ihre Liebe prüfte, kam in Form eines Sturms.
Es war ihr vorletzter gemeinsamer Abend. Der Himmel hatte sich tagsüber bereits verdunkelt, schwere Wolken hingen tief, die Luft war elektrisch. Doch das hielt sie nicht davon ab, sich wie verabredet am Strand zu treffen.
„Wenn wir Glück haben, haben wir den Strand heute fast für uns allein“, hatte er geschrieben.
„Und wenn wir Pech haben, regnet es so sehr, dass wir ertrinken, bevor das Meer uns erreicht“, hatte sie geantwortet, halb scherzend, halb ahnend, dass da etwas Größeres auf sie zukam als nur Regen.
Als sie sich trafen, war das Meer unruhig, die Wellen höher, der Wind lauter. Der Strand war tatsächlich fast leer, nur ein paar verstreute Gestalten, die ihre Sachen einsammelten.
„Sieht aus, als würde heute jemand anders das Surfbrett kriegen“, sagte Petro und deutete zum Himmel.
„Hauptsache, wir sind nicht diejenigen, die runterfallen“, erwiderte Collien.
Sie gingen barfuß nahe am Wasser, der Sand klebte fester an ihren Füßen als sonst. Die Luft roch nach nassem Asphalt, obwohl hier keiner war.
„Morgen ist dein letzter Tag, oder?“, fragte sie schließlich, ohne ihn anzusehen.
„Ja“, sagte er. „Deiner auch.“
„Das kam schnell.“
„Alles, was schön ist, kommt immer zu schnell“, sagte er automatisch, und dann lachte er leise. „Klingt wie ein Satz aus einem schlechten Film, oder?“
„Oder aus einem guten“, meinte sie und sah ihn an.
Der Wind wurde stärker. Erste Regentropfen fielen, schwer, warm, als wären es zögernde Finger, die die Erde prüften.
„Hast du darüber nachgedacht, wie es weitergeht?“, fragte sie.
Er blieb stehen. Drehte sich ihr zu. „Jeden Tag“, gestand er.
Ihr Herz machte einen Sprung, der fast wehtat. „Und?“
„Ich weiß, dass ich dich nicht einfach als Urlaubskapitel archivieren will“, sagte er. „Ich weiß, dass du mehr bist als Strand und Sonne und… mein peinlicher Surfbrett-Moment.“
Sie lachte kurz, doch in ihren Augen glänzte es.
„Aber“, fuhr er fort, „ich hab’ auch Angst. Ehrlich. Ich kenne mich – ich bin gut darin, Pläne zu machen und sie dann doch zu überrennen. Und ich hab’ Angst, dir etwas zu versprechen, was ich nicht halten kann.“
Der Regen wurde dichter. Tropfen zeichneten dunkle Punkte auf sein T-Shirt.
„Ich hab’ auch Angst“, sagte sie leise. „Angst, dass wir uns nach ein paar Wochen schreiben, dann immer seltener, und irgendwann ist da nur noch ein ‚Weißt du noch damals am Strand…‘. Und du bist für mich nicht jemand, der in einem ‚Weißt du noch‘ endet.“
Er atmete scharf ein. Dieser Satz traf ihn tief. „Was bin ich denn dann für dich?“, fragte er.
Sie schwieg. Ihr Blick glitt zum Meer, das nun graublau tobte. Ihre Haare klebten bereits an den Wangen, der Himmel öffnete seine Schleusen.
„Du bist…“ Sie suchte nach Worten, die groß genug waren und dennoch nicht übertrieben. „Du bist jemand, bei dem ich das Gefühl habe, dass mein Herz nicht flüstern, sondern normal sprechen darf. Ohne leiser gemacht zu werden.“
Er machte einen Schritt auf sie zu. Der Regen rann ihm über das Gesicht, als wären es Tränen, die er noch nicht hatte. „Ich weiß nicht, wie das mit uns wird“, sagte er ehrlich. „Ich weiß nur, dass ich es herausfinden will. Mit dir.“
Der Wind riss an ihrem Kleid, an seiner Stimme, an den wenigen Touristen, die noch am Strand waren. Blitze zuckten in der Ferne.
„Vielleicht ist das der Punkt“, sagte sie, „Liebe – oder was immer das hier zwischen uns ist – kommt nie mit einer Garantie. Nur mit der Möglichkeit.“
„Und mit der Entscheidung“, fügte er hinzu. „Für oder gegen diese Möglichkeit.“
Sie standen jetzt so dicht beieinander, dass sie die Wärme des anderen trotz des Regens spüren konnten. Ihre Hände fanden sich wie von selbst. Finger verschränkten sich.
„Also?“, fragte er. „Trauen wir uns?“
„Wir“, wiederholte sie, und plötzlich war dieses Wort so viel größer als am ersten Tag. „Ich will es versuchen“, sagte sie. „Ohne ‚für immer‘, ohne ‚nie wieder‘. Aber mit dem ehrlichen Wunsch, dass dies nicht einfach nur eine Sommergeschichte bleibt.“
Ein Donnerschlag zerließ den Himmel. Der Regen peitschte ihnen nun ins Gesicht. Sie lachten gleichzeitig.
„Surfbretter sind gar nichts gegen diesen Sturm“, rief er gegen den Wind an.
„Dann lass uns schwimmen lernen“, antwortete sie.
In einem fast filmreifen Moment – klischeehaft und doch vollkommen echt – zog er sie zu sich, und ihre Lippen fanden sich zum ersten Mal. Der Kuss war warm, trotz des kalten Regens, intensiv und doch vorsichtig, als wollten sie testen, ob es wirklich möglich war, sich im Chaos so nah zu sein.
In ihren Köpfen war alles gleichzeitig sehr laut und sehr still.
„Das ist Wahnsinn“, dachte Petro, „dass ich jemanden in so kurzer Zeit so sehr in mein Inneres gelassen hab’.“
„Das ist Wahnsinn“, dachte Collien, „dass mein Herz sich nicht anfühlt, als würde es fallen, sondern als würde es ankommen.“
Als sie sich voneinander lösten, waren ihre Stirnen noch aneinandergelehnt. Sie atmeten schwer, lachten, schnappten nach Worten, fanden erst mal keine.
„Das war…“, setzte er an.
„Ein gigantischer Surfbrett-Moment“, beendete sie den Satz, „aber einer von den guten.“
– Der Abschied, der nur ein Komma sein wollte
Der letzte Tag war ein seltsamer. Er war zu kurz und zu lang zugleich. Jeder Blick, jede Berührung war aufgeladen von dem Wissen, dass am Ende des Tages eine Trennung stand – räumlich, vielleicht zeitlich, vielleicht… mehr?
Sie verbrachten ihn, wie sie viele Tage zuvor verbracht hatten: am Strand. Doch diesmal war das Lachen ein wenig leiser, die Blicke ein wenig länger, die Stille dazwischen voller Fragen.
„Ich hab’ einen Flug morgen früh um neun“, sagte er, als sie im Schatten einer Palme saßen.
„Meiner geht um elf“, antwortete sie. „Andere Richtung.“
„Natürlich“, murmelte er. „Wäre ja auch zu einfach gewesen.“
Sie sprachen über Dinge, die man normalerweise nicht anspricht, wenn man sich erst seit zwei Wochen kennt: über Zukunftspläne, über die Städte, in denen sie wohnten, über den Alltag, der sie beide wiederhaben wollte. Sie speicherten ihre Nummern ab, folgten einander in sozialen Netzwerken, schickten sich testweise ein paar alberne Nachrichten, obwohl sie nebeneinander saßen – nur, um sicherzugehen, dass ihre Verbindung nicht nur am Strand existierte.
„Wenn wir zurück sind“, sagte Petro vorsichtig, „könnten wir…“
„Telefonieren?“, schlug sie vor.
„Ja. Und vielleicht… uns irgendwann sehen. In der Mitte. Oder gar nicht in der Mitte, ich kann auch zu dir kommen.“
„Du willst also meine Stadt kennenlernen?“, fragte sie, ein schelmischer Funke in den Augen.
„Ich will sehen, wie du aussiehst, wenn du nicht nach Meer und Sonnencreme riechst“, konterte er sanft.
„Mutig“, sagte sie. „Im Alltag bin ich weniger glamourös.“
„Glamour ist überbewertet“, winkte er ab. „Ich will sehen, wie du aussiehst, wenn du montagmorgens zu wenig Schlaf hattest und zu viel Kaffee trinkst. Und wie du lachst, wenn’s draußen regnet und nicht alles glitzert.“
Sie spürte, wie ihr Herz sich weicher anfühlte als sonst. Es war keine rasende Verliebtheit, die alles andere verbrannte. Es war etwas Tieferes, das sich wie Wurzeln anfühlte, die gerade erst begannen, sich in unbekannten Boden zu graben.
Am Abend gingen sie ein letztes Mal am Wasser entlang. Die Sonne legte ihren Abschied in Gold und Rosa auf die Wellen.
„Ich hasse Abschiede“, murmelte sie.
„Ich auch“, sagte er. „Vielleicht machen wir keinen. Vielleicht machen wir nur ein ‚Bis später‘ draus.“
Sie nickte, obwohl sie wusste, dass Worte manchmal schwächer waren als Entfernungen. Doch sie klammerte sich an die Möglichkeit.
Als sie schließlich vor ihrem Hotel standen, blieb die Zeit für einen winzigen Moment stehen. Menschen gingen an ihnen vorbei, das Leben nahm seinen gewohnten Lauf, während in ihnen etwas innehielt.
„Schreibst du mir, wenn du gelandet bist?“, fragte sie.
„Ich schreib dir schon am Flughafen“, versprach er.
„Und wenn du’s vergisst?“, neckte sie, in Wahrheit war da ein echter Funken Angst.
Er hob die Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Dann darfst du mich für den Rest meines Lebens mit meinem Surfbrett-Moment erpressen.“
Sie lächelte, aber ihre Augen glänzten feucht. „Versprochen?“
„Versprochen“, sagte er.
Sie küssten sich wieder, langsamer diesmal, bewusster. Ein Kuss, der kein Abschluss, sondern eine Markierung sein wollte: Hier, an diesem Strand, begann etwas, das nicht mit dem Flugplan enden sollte.
„Geh jetzt“, flüsterte sie schließlich, weil sie wusste, dass sie sonst nicht loslassen könnte.
Er nickte, obwohl alles in ihm sich wehrte. „Bis bald, Collien.“
„Bis bald, Petro.“
Er drehte sich um und ging. Sie sah ihm nach, bis seine Silhouette sich in der Menge verlor. Erst dann ließ sie die Tränen zu, die in ihren Augen gebrannt hatten.
In seinem Kopf formte sich währenddessen ein stummer Schwur: „Lass das kein ‚Es war einmal‘ werden. Lass es ein ‚Es ist gerade erst begonnen‘ sein.“
Auf dem Weg zum Flughafen schrieb er ihr die erste Nachricht.
„Ich war gerade kurz davor, das Surfbrett als Handgepäck mitzunehmen. Dann hab ich gemerkt, dass ich dich als Erinnerung dabei hab’, reicht. – P.“
Sie las sie, bevor sie schlafen ging, obwohl sie wusste, dass sie früh aufstehen musste. Sie antwortete:
„Pass auf, dass du nicht beim Boarding hinfällst. Wäre ein klassischer Surfbrett-Moment. – C.“
Als sein Flieger abhob, hatte er ihre letzte Sprachnachricht im Ohr – eine leise, müde, lächelnde Stimme, die sagte, dass sie sich nicht verabschieden müsse, um ihn zu behalten. Dass man Menschen auch mit nach Hause nehmen konnte, ohne sie in einem Koffer zu verstauen.
In den Wochen danach wurden ihre Handys zu Brücken. Sie schickten sich Fotos aus ihrem Alltag: Er schickte ihr ein Bild von seinem Schreibtisch, chaotisch, voller Notizzettel. Sie schickte ihm ein Bild ihrer Kaffeetasse neben einem Buch, in dem sie nie weiterlas als bis Seite zehn, weil sie ständig abgelenkt wurde von Gedanken an ihn.
„Du siehst müde aus“, schrieb er einmal, als sie ihm ein Selfie schickte, in einem dicken Pullover, im Bus, Regen am Fenster.
„Ich vermisse die Sonne“, antwortete sie. Ohne zu sagen, dass sie nicht die am Himmel meinte.
„Ich vermisse das Meer“, schrieb er. Ohne zu sagen, dass er in ihren Augen meinte.
Sie telefonierten spät abends, wenn die Welt ruhiger wurde. Seine Stimme durch das Rauschen der Entfernung, ihre leisen Lacher, die noch immer wie kleine Glocken klangen. Manchmal schwiegen sie einfach, hörten einander atmen, erzählten Alltäglichkeiten, als wären es abenteuerliche Geschichten.
„Heute hatte ich einen riesigen Surfbrett-Moment“, sagte sie einmal. „Ich bin im Meeting vom Stuhl gerutscht.“
Er lachte laut. „Siehst du, ich wusste, du kannst mich toppen.“
„Und du?“, fragte sie. „Hattest du schon einen, seit du wieder da bist?“
„Ja“, sagte er. „Ich hab’ versucht, dich nicht zu sehr zu vermissen. Komplett gescheitert.“
Stille. Sanft, warm.
„Das ist der schönste Surfbrett-Moment, den ich je gehört hab’“, sagte sie schließlich.
Sie sprachen irgendwann darüber, sich zu sehen. Kein fixer Termin, nur eine wachsende Idee. Sie war vorsichtig, er war vorsichtig. Beide wussten, dass die Distanz nicht nur in Kilometern gemessen wurde, sondern auch in Mut.
Aber in all der Unsicherheit war da etwas Stabiles geblieben: das Gefühl, dass sie, irgendwo hinter allem Zufall, eine Entscheidung getroffen hatten. Miteinander. Füreinander. Zumindest für das Jetzt.
– Abspann: Eine Liebe wie eine Welle
Es vergingen Monate. Ihre Leben liefen weiter, wie Leben das nun mal tun. Neue Projekte, alte Verpflichtungen, kleine Sorgen, unerwartete Freuden. Es gab Tage, an denen sie weniger schrieben. Tage, an denen der Alltag sich zwischen sie schob wie eine unsichtbare Wand. Doch dann reichte oft eine kurze Nachricht, ein Bild vom Meer, ein Song, den sie sich gegenseitig schickten, und der Faden zwischen ihnen spannte sich wieder.
Sie waren (noch) kein Paar im klassischen Sinne, mit Etikett und Definition. Sie waren mehr als ein Urlaub, weniger als ein „für immer“, und doch vielleicht genau auf dem Weg dorthin. Ihre Geschichte war kein klarer Bogen, sondern eher eine Linie, die sich wie eine Welle bewegte: mal näher, mal ferner, aber immer im gleichen Rhythmus.
Petro begann, eine Datei auf seinem Laptop anzulegen: „Palm-Beach-Notizen“. Es war kein Roman, nicht einmal eine richtige Geschichte. Es waren Sätze, Fetzen, Bilder. „Ihre Augen an dem Tag, an dem ich fiel.“ „Der Sturm, der uns nicht getrennt hat.“ „Surfbretter als Metaphern für alles, was wir nicht kontrollieren können.“ Er schrieb nicht, um zu veröffentlichen, sondern um nicht zu vergessen.
Collien kaufte sich ein kleines Notizbuch mit einem türkisfarbenen Einband, der sie an das Meer erinnerte. Auf der ersten Seite schrieb sie: „Eine Liebe wie aus einem Gedicht hört nicht auf, wenn das Buch zu Ende ist. Sie schwingt nach, in den Leerzeilen.“ Darunter kritzelte sie ein kleines Surfbrett und zwei Strichmännchen, die lachend daneben standen.
Ob sie heute zusammen sind?
Manchmal, wenn sie an besonders schweren Tagen an den Strand ihres Lebens gespült werden, denken sie an den ersten Blick am Palm Beach. An die Augen, die sie damals sahen, und die bis heute nachhallen. Sie wissen beide, dass Liebe kein gerader Weg ist, sondern ein Labyrinth aus Entscheidungen, Zufällen, Mut und Rückzug.
Vielleicht haben sie es geschafft, die Distanz zu überbrücken, haben Reisen gebucht, Züge genommen, sich zum ersten Mal inmitten des Alltags gegenübergestanden und gemerkt, dass ihr Lachen auch bei Regen funktioniert. Vielleicht sitzen sie heute in einer kleinen Küche, irgendwo zwischen seinen und ihren Städten, teilen sich den letzten Kaffee, kichern darüber, wie schief sein Surfbrett damals im Wasser lag, und planen eine Reise zurück nach Palm Beach. Nicht, um die Vergangenheit zu wiederholen, sondern um der Zukunft einen Ort zu schenken.
Vielleicht aber haben sich ihre Wege auch anders entwickelt. Vielleicht gab es eine Phase des Schweigens, in der Nachrichten ausblieben, weil das Leben zu laut war. Vielleicht haben sie neue Menschen getroffen, andere Geschichten begonnen. Und doch – manchmal, wenn der Wind besonders salzig riecht oder ein Sturm über das Land zieht, denken sie aneinander. An die Möglichkeit, die sie waren. An die Liebe, die nicht verloren ist, nur, weil sie eine andere Form angenommen hat.
Denn manche Menschen bleiben in uns, auch wenn sie nicht neben uns bleiben. Sie werden zu Zeilen in unserem inneren Gedicht, zu Metaphern, die unser Herz reicher machen. Petro ist für Collien die Erinnerung daran, dass spontane Entscheidungen manchmal die schönsten Geschichten schreiben. Und Collien ist für Petro die Erkenntnis, dass er nicht immer davonlaufen muss, wenn es kompliziert wird – dass es sich lohnen kann, zu bleiben, auch inmitten eines Sturms.
Palm Beach existiert weiter, irgendwo zwischen Meer und Himmel. Jeder Tag bringt neue Reisende, neue Begegnungen, neue Sommergeschichten. Vielleicht sitzt eines Tages ein anderes Paar dort, lacht über ein Missgeschick, erfindet einen Insiderwitz, der nur ihnen gehört. Und irgendwo, in einer anderen Stadt, lächeln zwei Menschen, weil sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn das Meer Zeuge wird, wie zwei Herzen sich zufällig – oder schicksalhaft – finden.
Die Geschichte von Collien und Petro ist noch nicht zu Ende. Sie ist ein Komma, kein Punkt. Ein Atemholen zwischen zwei Versen, die noch geschrieben werden wollen.
Und wenn sie sich eines Tages wiedersehen – am Strand, in einer Stadt, in einem Café im Regen –, dann wird ihr Insider-Symbol sie sofort erkennen lassen. Ein beiläufiges „Na, wieder ein Surfbrett-Moment gehabt?“ wird reichen, um all die Erinnerungen wachzurufen.
Vielleicht lächeln sie dann nur, nicken sich zu und gehen weiter, jeder in seinem eigenen Leben, aber mit einem stillen Danke im Herzen.
Vielleicht aber setzen sie sich nebeneinander, sehen aufs Wasser – oder auf den Straßenverkehr, der heute ihr Meer ersetzt – und entscheiden, ein weiteres Kapitel zu schreiben.
Denn eine Liebe wie aus einem Gedicht endet nicht mit einem Schlussstrich. Sie bleibt offen, wie der Horizont. Zwischen Himmel und Wasser, zwischen dir und mir. Zwischen einem zufälligen Blick und einer Entscheidung, die alles verändert.
Und irgendwo, im sanften Rauschen der Erinnerung, flüstert das Meer:
Wir sind doch erst am Anfang.
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